Wiegenlieder – Analyse

Wiegenlieder sind allein in Motl der Opreyter und Der Vilner Balebesl enthalten.

In Motl der Opreyter singt die verzweifelte Esther mit extradiegetischer orchestraler Begleitung, am Bett ihres kranken Sohnes ein zweieinhalb Minuten langes Wiegenlied, in dem sie ihn um Verständnis bittet, dass er auf Grund des streikenden Vaters Hunger und Not leiden muss (SQ 07, TC 0:33:48/0:08:45).
Indem es den Arbeitskampf des Vaters thematisiert, und damit den Inhalt des Films aufgreift, erinnert es, abgesehen vom für jiddische Wiegenlieder typischen „Ay-lu-lu“ (Metzger (1984), S. 253) nicht an die zahlreichen jiddischen Wiegenlieder (Vgl. Tahir-Ul-Haq (1978), S. 85ff.), wohl aber an das bekannte, von einem anonymen Verfasser geschriebene jiddische Shlof mayn kind, shlof keseyder [Schlaf mein Kind, schlaf weiter], in dem der Vater seinem Kind erzählt, dass es, einmal älter geworden, den Unterschied zwischen arm und reich verstehen wird (Vgl. Vinkovetzky, u.a., 1983-87, Vol. 1, 116; Die Musik komponierte Hugo Weisgall: Freedman Jewish Sound Archive).

In Der Vilner Balebesl ist es Yoel Duvid, der, ebenfalls extradiegetisch instrumental begleitet, bevor er Nächtens nach Warschau aufbricht, am Bett seines schlafenden Sohnes das melancholische Unter boymer von Mordechai Gebirtig singt (SQ 08/1-5, TC 0:31:32/0:31:47).
Mit diesem Wiegenlied, das von der Sorge des Vaters handelt, der Sohn könnte sich verkühlen und somit krank werden, verweist der Film nicht nur auf das traditionelle Wiegenlied, sondern dadurch, dass es vom bekanntesten jiddischen Volksdichter zwischen den zwei Weltkriegen geschrieben wurde, zudem noch auf die jiddische Literatur als weitere Ausdrucksform von yidishkayt. (Vgl. Rubin 1979, 429.). Yidishkayt wird hiermit infolgedessen gleich in zweifacher Hinsicht zum Ausdruck gebracht. Darüber hinaus hat das Lied aber auch eine narrative Funktion, da es auf der Textebene Portals todbringende Erkrankung bereits ankündigt. Und in der Tat wird das Lied erneut von der verzweifelten Mutter am Krankenbett gesungen, in dem währenddessen Peretzl stirbt
(SQ 16, TC 1:05:54/1:06:09).
Letztmalig erklingt es auf der Warschauer Opernbühne, wo Yoel Duvid, zutiefst geschockt von der Nachricht über den Tod seines Sohnes, statt der Arie stockend das Lied singt, kurz nachdem in einer Großaufnahme das Bild des im Bett liegenden Peretzl in die Pupillen des Sängers zu sehen war (SQ 18/1, TC 1:12:13/1:12:31). Insgesamt ist das Lied während etwas mehr als dreieinhalb Minuten zu hören.

Quellen

  • Metzger, Eva, „The Lullaby in Yiddish Folk Song“, Jewish Social Studies 46 (Summer/Fall 1984) 3/4, S. 253-262.
  • Tahir-Ul-Haq, Ilona, Das Lied der Juden im osteuropäischen Raum. Seine Funktionen im Prozeß der Erhaltung und Veränderung des sozialen und kulturellen Normensystems und in der Bewältigung aktueller Lebenssituationen, Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas 1978.
  • Vinkovetzky, Aharon/Kovner, Abba/Leichter, Sinai, Anthology of Yiddish Folksongs, Jerusalem 1983–87.