Lieder über das Leben – Analyse

Mit vier Liedern ist im Korpus eine Liedkategorie vertreten, die als solche zwar nicht von Rubin (vgl. Rubin 1979) aufgeführt wird, aber etwas umständlich ausgedrückt als „Lieder über das Leben“ bezeichnet werden könnte, da die Lieder Schicksale von Menschen beschreiben bzw. das Leben von der Kindheit bis ins hohe Alter nachzeichnen.

Allein drei dieser Lieder kommen in Mamele vor, die alle von Khavtche (Molly Picon) gesungen werden: Abi gezint, Dos leben iz a tants und Mazl, letzteres im Duett mit Schlesinger (Edmund Zayenda) (Liedtexte).

Abi gezint singt Khavtche bei der Hausarbeit, nachdem sie ihre liebeskranke Nachbarin und Freundin Balke, die Khavtches Bruder David liebt von diesem aber nicht wahrgenommen wird, mit der Hoffnung auf eine Verlobung verabschiedet hat (10, TC 0:14:48/0:14:54).

Wie bei vielen der vorgenannten Liedern wird auch Abi gezint durch ein im Dialog fallendes Stichwort ausgelöst, als Khavtche zu sich selbst sagt, dass nicht Glück, sondern die Gesundheit das Wichtigste im Leben sei. Beim Singen verrichtet sie gagartig eine Reihe von Hausarbeiten, wobei sie sich am Ende beim Herausholen der von ihr im Ofen vergessenen (und daraufhin verkohlten) khallah die Finger verbrennt, sodass ihre slapstickhafte Performance am Schluss von einem komischen Kontrapunkt zur der von ihr besungenen guten Gesundheit gekrönt wird.

Abi gezint ist somit eher als Vehikel für Picons Theater- und Vaudevillekunst zu betrachten und kann daher nicht als Vertreter des traditionellen jiddischen Volkslieds verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um eine Referenz an die Performancekultur der Second Avenue; das Lied ist letztlich als Indikator amerikanisch-jüdischer Identität anzusehen, was im Fall von Mamele auch nicht erstaunlich ist, da der Film die Adaption des gleichnamigen Theaterstücks ist, mit dem Picon zuvor an der Second Avenue grandiose Erfolge gefeiert hatte (Vgl. Hoberman 1995, 289).

Das gilt auch für das, mit mehr als sechs Minuten mehr als doppelt so lange Dos lebn iz a tants, das sie allein im abgedunkelten Zimmer singt während die anderen Duvids und Balkes Hochzeit feiern (SQ 10, TC 0:14:48/0:14:54).

Die Mise-en-scène des Liedes ist einzigartig im Jiddischen Kino und hat die Filmkritiker begeistert (Vgl. Kanievski 1939): Zunächst betrachtet Khavtche eine alte Fotografie ihrer Großmutter in einem Fotoalbum und spricht zu ihr, wobei sie den letzten Teil des Satzes, „dos leben iz a tants“ [das Leben ist ein Tanz], bereits singt. Im Refrain des Liedes singt Khavtche, dass das Leben einem Tanz gleicht, der nie endet. Danach animiert sich die Fotografie der Großmutter (gespielt von Picon), die das Lied, das von ihrem Leben handelt, rezitativartig weitersingt, wobei andere Bilder der Reihe nach ebenfalls zum Leben erweckt werden, die die Großmutter als Mädchen, junge Frau und respektable Dame zeigen, die jeweils eine Strophe singen und dazu tanzen.

Das Lied hat keine einheitliche Melodie, vielmehr unterstreichen die Melodien der einzelnen Strophen auf musikalischer Ebene die abgebildeten Lebensstationen: Kinderliedartig in der Strophe der Achtjährigen, klassische Ballhausmusik in der Passage der Achtzehnjährigen usw. Keine der Melodien verweist auf die jüdische Musiktradition, sondern stets wird auf die westliche Musiktradition verwiesen.

In Mazl, das über fünf Minuten und mehrere Sequenzen hinweg gesungene Duett von Khavtche und Schlesinger, wird das glücklose Leben thematisiert (15, TC 0:32:01/0:32:07). Die Integration des Lieds in die Handlung ist elegant, da Schlesinger in seinem Zimmer Geige spielt und Khavtche auf der anderen Seite des Hofes zu seinem Violinespiel beginnt, das Lied zu singen. Obwohl sie nicht bewusst zusammen singen, womit das Lied zunächst einem Musicallied gleichkommt, wird es bald wieder zum Bestandteil der Diegese, was durch mehrere eingeschnittene Einstellungen von aufhorchenden, nach oben zu den Fenstern blickenden, Nachbarn suggeriert wird (SQ 15/8, TC 0:36:08/0:36:14).

Während die langsame Walzermelodie Bezug nimmt auf die westliche Musikkultur, kann der Liedtext als Bezug zum schweren Leben im Schtetl gelesen werden, an das man sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückerinnern kann. Obwohl Mazl kein Schtetl-Nostalgielied wie Vilne oder Shtetl ist, machen der Text und die melancholische Melodie Mazl zu einem nostalgischen Moment.

Das vierte “Lied über das Leben”, A bliml, ist 2:40 Minuten lang und in Motl der Opreyter enthalten. Es ist dabei wie Mazl ebenfalls in die Handlung eingebunden, wenngleich die mehrstimmige Violinenbegleitung extradiegetisch ist: Nunmehr Stadtstreicher, versucht Motl sich mit dem Verkauf von Blumen über Wasser zu halten. Dabei erklärt er singend die Herkunft der Blumen: diese sollen Mitleidstränen sein, die Gott vergossen hat für einen Mann, (Motl selbst) der seine Familie verloren hat (16, TC 0:41:03/1:06:06).

Von der Sprache einmal abgesehen, lassen weder die Melodie, noch der Liedtext zu, A bliml als Ausdruck von yidishkayt zu bewerten, zumal die mehrfache Erwähnung von “Gott” im Lied ein striktes Tabu für gläubige Juden ist.

Quellen

  • Hoberman, Jim, Bridge of Light – Yiddish Film Between Two Worlds, Philadelphia 1995 (1991)
  • Kanievski, Ahron, a yidishe toki vos hot di vert gezehn tzu veren, in: Der Tog – Philadelphia Edition, 18.02.1939 (Molly Picon Scrap Books, AJHS).