Hochzeitslieder – Analyse

Bei den unter der Kategorie der Hochzeit zusammengefassten Liedern ist zu unterscheiden zwischen jenen, die traditionell vom badkhen vorgetragen werden und jenen, die eine jüdische Hochzeit zum Thema haben.

Badkhen-Lieder sind in Yidl mitn Fidl mit Oy kaleshi (SQ 21, TC 0.46:51) und Onkl Mozes (Hert mikh oys) (SQ 12/5, TC 0:51:06/0:51:22) als traditionelles Element von jüdischen Hochzeiten enthalten und sind in ihrer überzogenen Lobpreisung ein authentischer Ausdruck von yidishkayt (vgl. Michel 2012, 171 ff., Rubin 1979, 100 ff.) Neben den badkhen-Liedern kommen in beiden Filmen im Rahmen ihrer Hochzeitinszenierungen auch sog. freylakhs, instrumentale Lieder mit einem schnellen, dynamisch-munteren Rhythmus, vor, die fest zum Klezmer-Repertoire gehören und auf keiner osteuropäisch-jüdischen Hochzeit fehlen dürfen (vgl. Sapotznik 1999, 10). In beiden Filmen werden entsprechend der Tradition Kreistänze zur Musik getanzt, die in Yidl mitn Fidl knapp eineinhalb Minuten (SQ 23/3), in Onkl Mozes 1:44 Minuten währt (SQ 12/5-7, ab TC 0:53:33/0:53:49). Wie bei den badkhen-Liedern handelt es sich auch bei den freylakhs um einen eindeutigen Ausdruck von yidishkayt, der bei Yidl mitn Fidlbesonders wirkungsvoll inszeniert worden zu sein scheint, da die als Komparsen eingesetzten Bewohner von Kazimierz die Hochzeitsfeier für echt hielten (vgl. Picon/Bergantini Grillo 1980, 67 f.).

Neben diesen traditionellen Hochzeitsliedern, von denen in Yidl mitn Fidl zudem noch der bobe-tants, der Tanz der Großmütter, inszeniert (und vom badkhen auch als solcher angekündigt) wird (SQ 23/3, TC 0:52:03), werden im Filmkorpus auch Lieder gesungen, die die Hochzeit zum Thema haben, aber nicht dem jiddischen Volkslied zugeordnet werden können.

In Dem Khazns Zundl ist es Goldene Khassene [Goldene Hochzeit], das von Sol völlig unvermittelt kurz nach dem sehr emotionalen Moment des Wiedersehens mit seinen Eltern angestimmt wird und das in Musikform noch einmal die bisherige Handlung zusammenfasst (er singt davon, dass er den Atlantik überquert hat, um seine Eltern zu sehen, singt von seiner Freude usw.) (SQ 32/5, TC 1:00:02/1:00:16). Zunächst ist das Lied langsam und getragen.
Wie bei Yidl mitn Fidl , wo nach dem bobe-tants ein Tempowechsel erfolgt, geht die Musik auch hier in einen freylakhs über, zu dem die Anwesenden ausgelassen im Kreis tanzen. Beendet wird das knapp dreieinhalb Minuten lange Lied durch ein theatralisch langgezogenes mazl tov [Glückwunsch], das Sol schmettert, während er von einem weiblichen Chor umringt ist.

Obwohl das Lied, insbesondere durch den in der Mitte eingefügten freylakhs, auf Elemente jüdischer Musik Osteuropas zurückgreift und es auf der Textebene einige Referenzen zum Judentum und zur osteuropäischen-jüdischen Kultur enthält (In der zweiten Strophe zitiert er den Anfang eines Segenspruches und wünscht seinen Eltern, eine traditionelle jiddische Redewendung aufgreifend, 120 Jahre alt zu werden, was in Anlehnung an das von Moses‘ erreichte Alter gewünscht wird. Vgl. Zborowski/Herzog 1992, 248), gleicht es ob seiner theatralischen Inszenierung, besonders am Schluss, viel eher einer Musicalnummer als einem authentischen Ausdruck von yidishkayt.

In Motl der Opreyter ist das Hochzeitslied, das mit 3:37 Minuten das längste Lied des Films ist, ein komisches Element, das vom Komikerduo Yetta Zverling und Jacob Zwanger (Khane-Beyle und Yossl Frumkin) gesungen wird, unmittelbar bevor sie sich zur Hochzeit ihrer Tochter aufmachen (SQ 25/1, TC 1:12:47/1:37:50).

Bei dem Lied handelt es sich um eine, streckenweise rezitativartige Unterhaltung in Liedform, in der Khane-Beyle ihren Ehemann zur Eile antreibt und dieser sich ausmalt, wie er auf der Hochzeit feiern wird. Für jüdische Hochzeiten typische Elemente wie khuppah und freylakhs werden in den Strophen ebenso erwähnt wie der Kreistanz im Refrain. Auch greift das Lied auf musikalischer Ebene an verschiedenen Stellen die für osteuropäisch-jüdische Musik typischen „Jammergeräusche“ (kvetsh) und Seufzer (krekhtz) auf (Winkler 2003, 106 f.). Auf der anderen Seite wird dieser vermeintliche Ausdruck von yidishkayt durch das Komikerduo durchkreuzt, indem es mittels seiner Körpersprache die traditionellen jüdischen Hochzeiten in Osteuropa ironisiert: Yossl, wenn er rückwärtsgehend und dabei die Arme ausbreitend, den Kreistanz andeutet, und Khane-Beyle, die ihr Kleid beim Tanzen mit beiden Händen anhebt und humoristisch den bobe-tants nachstellt (vgl. Roskies/Roskies 1975, 232). Darüber hinaus erwähnenswert ist die das Lied rahmende Unterhaltung der beiden, in der die beiden feststellen, dass ihre abgelegten jüdischen Namen – sie nennen sich ja mittlerweile Annabella bzw. Joseph -, doch eigentlich gar nicht so schlecht wären, weil jüdisch (TC 1:15:46/1:40:49)

Ähnlich verhält es sich mit dem zweieinhalb Minuten langen Shpil, klezmer a shtikele [Spiel, Klezmer, ein Liedchen], das in Amerikaner Shadkhen von Nat auf seiner „Bachelor Party“ als ein Theaterlied angekündigt (Nat fragt einen der Anwesenden, ob er sich noch an die Melodie eines bestimmten Liedes erinnern würde, was sie einmal bei einer Benefiz-Veranstaltung im Theater gehört hätten. Sein Gegenüber entgegnet auf Englisch “yes, I remember“ und Nat erwidert „let’s try it!“ ;SQ 01/2, TC 0:06:54/0:08:17) und sodann von ihm gesungen wird.

Das Lied thematisiert die jüdische Ehe, wobei es insbesondere die Praxis der Ehevermittlung, gezielt parodiert; (TC 0:07:04/0:08:27). So besingt es die Erkenntnis des Bräutigams am Tag nach der Hochzeit, dass er ein unsägliches, hässliches Weib geheiratet hat, das ihm das Leben schwer machen wird. Es endet mit der Feststellung, dass dies das Schicksal der geizigen Bräutigame sei die sich ja die Heiratsvermittlung nicht viel kosten lassen wollen (Liedtexte Hochzeitslieder).

Die im Lied enthaltenen Oy-oy-oy-Passagen, wie auch der am Ende des Lieds von Nat und seinen alrightnik-Feierkumpanen getanzte Kreistanz, die ja an sich Indikatoren für yidishkayt wären, wirken in der sehr mondänen Umgebung und angesichts der Kleidung der Anwesenden, ähnlich wie bei Motl der Opreyter, fremdartig und seltsam deplatziert.

In beiden Fällen besinnen sich die nach außen erfolgreich Assimilierten angesichts des so wichtigen Übergangsritus Heirat für einen kurzen Augenblick auf ihre yidishkayt-Wurzeln und zelebrieren singend und selbstironisch dieses Identitätsmoment, womit dem höchstwahrscheinlich ganz ähnlich assimilierten Filmpublikum augenzwinkernd ein Spiegel vor das Gesicht gehalten wird.

Quellen

  • Michel, Chantal Catherine, Das Jiddische Kino – Aufstiegsinszenierungen zwischen Schtetl und American Dream, Berlin 2012
  • Picon, Molly/Bergantini Grillo, Jean, Molly! – An Autobiography, New York 1980.
  • Roskies, Diane K./Roskies, David G., The Shtetl book, New York 1975.
  • Rubin, Ruth, Voices of a People – The Story of Yiddish Folksong, Philadelphia 1979.
  • Winkler, Georg, Klezmer – Merkmale, Strukturen und Tendenzen eines musikkulturellen Phänomens, Bern 2003.
  • Sapoznik, Henry, Klezmer! Jewish Music from Old World to Our World, New York 1999.
  • Zborowski, Mark/Herzog, Elisabeth, Das Schtetl. Die untergegangene Welt der osteuropäischen Juden, München 1992 (1952).